Donnerstag, 2. März 2017

Lebensnacht von Will Hofmann

Will Hofmann: Lebensnacht

Als ich das Buch das erste Mal in der Hand hielt, dachte ich: „Cool, eine Dystopie, die in Deutschland spielt. Das lese ich!“ Nach den ersten Kapiteln wurde mir aber klar, dass die Fiktion relativ dicht an der Realität bleibt und damit in mir ein mulmiges Gefühl erzeugt.

Der Autor untersucht scheibchenweise und sehr gründlich, wie Deutschland darauf reagieren könnte, wenn eine extrem ansteckende und tödliche Krankheit ausbricht, die sich schnell zu einer Pandemie auswächst. Wie funktioniert der Katastrophenschutz, welche Maßnahmen existieren, um eine Ausbreitung zu verhindern? Wie reagieren Politik, Medizin, Wirtschaft? Was passiert mit den Menschen, wenn der Ausnahmezustand zur Regel wird? Durch EHEC und Ebola haben wir schon erleben dürfen wie reibungslos der Katastrophenschutz funktioniert. Wir können uns auch ausmalen, welchen Unsicherheitsfaktor der Mensch dabei spielen kann, wenn unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, die Gerüchteküche kocht und es zu Panikreaktionen kommt. Es wird philosophisch, wenn die Schuldfrage gestellt wird. Was passiert in dem einzelnen Menschen, wie dem Wissenschaftler, der den Nobelpreis für die geniale Genmanipulation erhalten hat, die das Problem der Verknappung der fossilen Energien löst. Um dann festzustellen, dass ohne ihn dieses Killerbakterium nicht hätte entstehen können.

Der Verlauf der Pandemie wird von einem pensionierten Lehrer erzählt. Sehr nüchtern und präzise, wie in einem Logbuch. Die distanzierte Erzählweise verstärkt noch die Dramatik der Ereignisse, die sich im Kampf gegen die aggressive Krankheit abspielen.

Mittelpunkt der Handlung sind die Gebrüder Kauffmann, der eine Biochemiker und der andere Mediziner, die fieberhaft nach einem Gegenmittel suchen, um die Pandemie eindämmen zu können. Kurze Kapitel und schnelle Perspektivwechsel lassen die starre Erzählung des mit den Brüdern befreundeten Lehrers nicht langweilig werden, wenn wir zum Beispiel hautnah miterleben welche Schuldgefühle den Biochemiker Professor Harry Kauffmann plagen, als er merkt, der Verursacher der dramatischen Ereignisse zu sein. Gegen Ende des Romans lässt die Spannung leider etwas nach. Es kommen zu viele zusätzliche Themen ins Spiel, die sehr knapp abgehandelt werden. Die Handlung zerfasert.

Lebensnacht ist ein stilistisch sehr ungewöhnlicher und deshalb auch außergewöhnlicher Roman, der nicht dem üblichen Pfad der Dystopien folgt. Auch wenn die Spannung zum Ende nachlässt, ein empfehlenswertes Buch.

Dank an Literaturtest für das Leseexmplar.

Eckpunkte: Broschiert, 336 Seiten, Fabulus-Verlag
Über den Autor: Will Hofmann
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