Samstag, 18. März 2017

Der Zug der Waisen von Christina Baker Kline


Ich muss sagen, dieses Buch hat mich etwas unzufrieden zurückgelassen. Die Aufarbeitung des wenig bekannten Umgangs mit Waisen- und Straßenkindern in den USA des späten 18. Jahrhunderts ist aufschlussreich und auch schockierend. Der Stil und die Rahmenhandlung hat mich allerdings nicht überzeugt, leider.

Der Roman räumt auf mit dem Mythos um die Barmherzigkeit einer privaten Initiative, die Straßenkinder und Waisen aus den Elendsvierteln New Yorks mit dem Zug in den Mittleren Westen zu ländlichen Familien brachte. Raus an die frische Luft, wo sie wachsen und gedeihen können und eine Chance bekommen, sich aus der Spirale der Armut zu befreien. Es bleibt unklar, ob die Initiative einfach nur naiv war und es einfach nicht besser wusste, oder ob sie bewusst so handelte: viele dieser Kinder wurden als billige Arbeitskraft wie auf dem Sklavenmarkt gehandelt und waren schutzlos der Willkür und Aggressivität der betreuenden Familien ausgesetzt.

Hauptperson des Romans ist die 9jährige Niamh, die bei fast jedem Familienwechsel auch ihren Namen wechseln musste und damit nach und nach ihre wahre Identität verliert, das letzte was ihr von ihrer leiblichen Familie geblieben ist. Die Autorin beschreibt sehr eindringlich das Schicksal dieses Mädchens, das wie ein Stück Vieh von einer Familie an die nächste weitergereicht wird. Dieser Teil der Geschichte ist sehr anschaulich und spannend beschrieben, auch wenn es hier und da für meinen Geschmack an Emotionalität und Empathie fehlte. In der Rahmenhandlung erzählt dasselbe Mädchen inzwischen als 90jährige Frau in der Gegenwart ihr damaliges Schicksal einem Teenager, die bei der alten Dame Sozialstunden ableisten muss. Es entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine enge Verbindung, die erst in der zweiten Hälfte des Romans beginnt mich zu berühren.

Mir fehlte an diesem Roman der zündende Funke, um ihn gänzlich spannend finden zu können. Die Autorin reißt interessante Themen rund um die sozialen Beziehungen der Figuren an, aber anstatt diese zu vertiefen, eilt sie weiter zum nächsten Thema. Der nüchtern-distanzierte Schreibstil sprach mich nicht an.

Dennoch empfehle ich diese Geschichte weiter an diejenigen unter euch, die sich für die USA der Jahrhundertwende interessieren und einen guten Einblick in die Lebensbedingungen der Menschen auf dem Land und in der Stadt zu der Zeit bekommen möchten.


Eckdaten: Taschenbuch, eBook, 352 Seiten, Goldmann Verlag   


SHARE:

Keine Kommentare

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich sehr über Kommentare von euch!

© Lora liest. All rights reserved.
Blogger Designs by pipdig