Mittwoch, 15. Juni 2016

[Blick über den Tellerrand] mit den Autoren David Rohlmann und Maria Engels


Heute werfe ich zusammen mit dem Autorenduo Maria Engels und David Michel Rohlmann einen Blick über den Tellerrand. Ein spannendes Unterfangen, da sie bei der Beantwortung der Interviewfragen in ein kleines Wortgefecht geraten.


David und Maria haben eine traumhafte Allianz der Kreativität geschlossen, die mir von jeder Seite ihrer Bücher entgegen springt. Die Geschichten strotzen nur so vor Fantasie und Lebenslust. Die bevorzugten Genres der beiden sind bisher Steampunk und Horror. Sie sind von Beruf Lektoren und haben eine gemeinsame Arbeitsweise entwickelt, die ich sehr spannend finde. Als Autoren, genauso wie in ihrem Beruf. Das wird in folgendem Interview sehr deutlich.



Ich freue mich sehr, dass David Rohlmann und Maria Engels sich bereit erklärt haben, meine Fragen zu beantworten. (Weiterführende Links findet ihr am Ende des Interviews.)

Was war euer Berufswunsch mit 8, 14 und 18 Jahren und warum?


David: Ich weiß ich gar nicht mehr, was es mit acht war, aber als ich noch sehr klein war, wollte ich unbedingt Müllmann werden – keine Ahnung, wieso. Vielleicht, weil man sich den ganzen Tag über dreckig machen durfte, ohne dass jemand geschimpft hat?
Anschließend wollte ich Lehrer oder Programmierer werden, später ging es dann in Richtung Philosophie, was ich letztlich auch studiert habe. Ich bin allerdings sehr froh, dass ich nicht den Diogenes machen und in einem Fass leben musste, sondern mit dem Lektorat meinen Traumberuf gefunden hab.

Maria: Also ich weiß, dass ich in der Grundschule fest davon überzeugt war, dass ich Schauspielerin werde. Wir hatten einmal in der Woche die Arbeitsgemeinschaft »Musiktheater«, die mir sehr viel Spaß gemacht hat.
Ich bin sehr großer Dokumentarfilm-Fan und mit vierzehn habe ich alles in mich aufgesogen, was mit Wasser und Tiefsee zu tun hatte. Als es dann hieß, dass nur wenige Prozent des Meeresbodens erforscht sind, stand für mich fest, dass ich mitforschen wollte.
Da meine schulischen Noten leider nicht gut genug dafür waren, hing ich nach dem Abi ziemlich in der Schwebe. Eventmanager oder doch lieber Buchbinder? Autor wollte ich auch werden, aber eine Absicherung wäre besser, da man ja nicht von heute auf morgen ein (erfolgreicher) Autor ist. So bin ich dann bei der Germanistik und schließlich beim Lektorat gelandet. Auf dem Gebiet habe ich bereits Erfahrung sammeln können und mittlerweile bin ich sehr erfolgreich selbständig.

Wen bewundert ihr am meisten und warum?


 David: Ich bewundere eigentlich niemanden Konkretes, aber ich bewundere sehr viele Dinge oder Taten: die brillante Denkweise von Kant und anderen Philosophen, mitreißende Bücher wie „Die unendliche Geschichte“, aber auch Zivilcourage, Gerechtigkeitssinn, Bescheidenheit. Ich bin da leicht zu begeistern und finde es toll, was Menschen so alles schaffen.

Maria: Schwere Frage. Ich würde jetzt gern jemand Bedeutendes nennen, aber ich habe in der Hinsicht nicht wirklich ein Vorbild.
In der Buchwelt ist das leichter zu beantworten: Brandon Sanderson. Ich liebe diesen Autor, weil er es etwa schafft, Kreidezeichnungen als die Bedrohung schlechthin zu verkaufen. Wenn ich seine Bücher lese, fühlt es sich immer so echt und real an, dass ich eben auch eine Zeichnung als lebensbedrohlich empfinde. So würde ich auch gern schreiben. Meine Leser sollen eintauchen, die Außenwelt vergessen und denken, dass sie selbst Teil der Geschichte sind, mitfiebern, lachen. Das macht einen guten Autor aus und das würde ich auch gern schaffen.

Was denken eure Lieblingsprotagonisten bzw. Übeltäter aus eurem aktuellsten Buch über euch?


David: Wenn ich mir unseren Darwin-besessenen Antagonisten Newton aus „Törtchen und Getriebe“ ansehe, würde er mich vermutlich für reichlich naiv und fehlgeleitet halten. Ich denke, dass der heutigen Gesellschaft etwas Großzügigkeit und Humanität, statt Geiz und Gewinnsucht ganz gut stehen würde, während Newton der „evolutionäre Kampf“ gar nicht hart genug ausgefochten werden kann. Wir würden also nicht besonders gut auskommen – was mich jedoch angesichts der Tatsache, dass er als größenwahnsinniger Psychopath konzipiert wurde, sehr beruhigt.

Maria: Puh, was würde Linda denken? Vermutlich würden wir es uns bei einem Stück Kuchen gemütlich machen. Ich hoffe, sie will nicht zu viel über Maschinen und Antriebe reden, dann wäre ich raus :D Lieber Törtchen und Süßkram. Vielleicht könnte man auch über Bildung im Allgemeinen und die modernen Ansichten zum Thema Frauen und Berufe reden. Es würde ihr sicher gefallen, dass Frauen bei uns etwas zu sagen haben.

Seid ihr euch immer einig, wie eure Geschichten verlaufen sollen? Wie sieht das zu zweit schreiben aus?


David: Das kommt ganz darauf an, was wir zusammen schreiben. Wir haben schon ein gesamtes Buchprojekt in der Schublade, bei dem wir uns auf Charaktere und einen Plot geeinigt haben und abwechselnd Kapitelweise schreiben.

Maria: Die zusammenhängenden Anthologien entstehen allerdings meist etwas … organischer.
(David: Man könnte auch „chaotischer“ sagen.)
Maria: Etwas organischer. Dabei gehen wir meist so vor, dass sich einer von uns beiden ein Weltkonzept überlegt und meist schon eine Geschichte dazu schreibt, in der ein paar Eckdaten festgelegt werden: Das Genre steht vorher fest, aber wo spielt es? Wie ist die Gesellschaft? Was sind Besonderheiten? Welche Charaktere sind sinnvoll oder tauchen auf?

David: Die Geschichte geht dann an den jeweils anderen – und teilweise auch an weitere Autoren. In „Törtchen und Getriebe“ sind ja schließlich ganze 4 Autoren vertreten. Abschließend schreibe ich meist noch eine weitere Story, für die ich dadurch, dass schon alle anderen Geschichten vorliegen, aus dem Vollen schöpfen und hier und da Anspielungen oder ganze Charaktere einbauen kann.

Maria: Da wir alle Geschichten abschließend auch lektorieren, kann man sie dabei aber auch noch etwas angleichen und einander annähern, um das Gesamtkonzept einheitlicher zu gestalten. Letztlich sind es aber alles eigenständige Kurzgeschichten, was das Zusammenarbeiten deutlich erleichtert!  

 

Wenn ihr mit euren Büchern etwas Großartiges in der Welt bewirken könntet, was wäre das?


David: Da ich Fantasy in allen Variationen schreibe, ist mein hauptsächlicher Wunsch, zu unterhalten und zum Träumen und Miterleben anzuregen. Im Moment wird gerade das Fantasy-Genre, aber auch das Lesen ganz allgemein als „Fluchtmöglichkeit aus dem Alltag“ beschrieben – das finde ich etwas schade, denn es gibt ja nicht nur eine Richtung: Man kann nicht nur in Bücher fliehen, sondern auch etwas daraus mitnehmen! Wenn ein Leser nach dem Lesen einer Geschichte von mir das Gefühl hat, eine Idee, einen liebgewonnenen Charakter oder ein Gefühl mitzunehmen, bin ich zufrieden. Dann, denke ich, ist schon etwas Großartiges in der Welt bewirkt worden.

Maria: Bei mir ist das ähnlich wie bei David: Mit Fantasy kann ich schlecht die Welt verbessern oder einen wichtigen Forschungsbeitrag leisten, was mit Fachbüchern möglich wäre. Da unsere Kurzgeschichten nicht immer ganz so nett sind, will ich die Leser dazu anregen, die Figuren zu hinterfragen. Sie sollen hinter die Fassade blicken und vielleicht auch nicht alles hinnehmen, was ich ihnen da vorsetze. Ich glaube, dass gerade so unerwartete Wendungen das Interesse, aber auch die Neugier wecken. Und gerade im Fantasy-Bereich, wo man seine Phantasie ankurbeln muss, bleibt man dadurch neugierig, überlegt sich, wie die Welt funktionieren würde, wie man selber in der Welt handeln würde. Das sind so die kleinen Freuden, die ich habe: Den Leser so weit in die Geschichte zu saugen, dass er abtauchen und sich einfühlen kann, aber gleichzeitig vielleicht auch etwas für sich selbst mitnimmt.

Wo seht ihr euch und das gedruckte Buch in 10 Jahren?


David: Durch die Entwicklung hin zum eReader ist das eine schwierige Frage. Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren noch immer schreibe und meine Bücher noch immer gedruckt in Regalen stehen werden – zumindest in ein paar auserwählten. Aber unsere Verkäufe laufen schon jetzt zum Großteil über eBooks, die Einzel-Anthologien erscheinen ja sogar nur als eBook, da ein gedrucktes Buch sich nicht lohnen würde. Umgekehrt erscheinen unsere Sammelbände immer auch als Print, da mir persönlich die Haptik eines echten Buches noch immer besser gefällt – aber ich hab keine Ahnung, wie das die Generation sehen wird, die mit eReadern aufwächst.

Maria: Jetzt muss ich wohl gestehen, dass ich seit einigen Monaten fast komplett auf eBooks umgestiegen bin. Das liegt daran, dass ich den Reader schnell einpacken kann. Zudem liest es sich meiner Meinung nach leichter, ich kann es mir bequemer machen. Trotzdem haben wir sehr viele Printbücher zu Hause stehen, von vielen würde ich mich auch nicht trennen wollen.

Ich würde mir wünschen, dass das eBook nicht so anders als ein gedrucktes Buch behandelt werden würde. Allein schon die unterschiedlichen Einordnungen und Mehrwertsteuern sind nervig. Ein eBook sollte als Buch behandelt werden und nicht wie ein unangenehmes Nebenprodukt, was im Buchhandel eigentlich keiner haben will. Denn wie David schon sagt: Wir verkaufen wesentlich mehr eBooks als Prints.

Dennoch würde ich auch in zehn Jahren nicht wollen, dass es keine gedruckten Bücher mehr gibt. Denn, seien wir mal ehrlich: Es ist als Autor ein tolles Gefühl, sein Buch im Regal zu sehen. Und Bücher kann man stolz vorzeigen, verleihen, tauschen, anpassen, riechen.

Aber wer weiß, wie unsere Regale in zehn Jahren aussehen, vielleicht haben wir dann eine sortierte Bibliothek versteckt im Haus und eine Art elektronisches Regal, wo man Lieblingsbücher anzeigen lassen kann, ohne sie vor Ort stehen zu haben.

Links
Lektorenwebseite
David bei Facebook
Rezension  Törtchen und Getriebe bei mir
Rezension Alle Zombies bei "his and her books"

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Kommentare

  1. ein schönes Interview. Ich hoffe auch das es in 10 Jahren noch richtige Bücher gibt und in 100

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    1. Lieben Dank. Mir gefällt das Interview auch sehr gut. :-) Ich fände es auch toll, wenn es in 10 Jahren noch Bücher gäbe. Ich kann es mir ohne gar nicht vorstellen.
      LG, loralee

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