Freitag, 12. Februar 2016

[Blick über den Tellerrand] mit Autor Günther Klößinger


Es ist wieder Zeit für ein Autoreninterview. Dieses Mal werfen wir zusammen mit Günther Klößinger einen Blick über den Tellerrand. Dabei eröffnet sich eine großartige Welt, die von Gandhi über Astronauten bis hin zu Höhlenmalereien reicht.



 

Günther Klößinger ist ein Geschichtenerzähler. Ob im Radio, auf Papier oder mit Musik, er hat auf allen Kanälen eine Menge mitzuteilen. Sein Krimi "Schnee von gestern ... und vorgestern" beweist, dass seine Erzählkunst nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch Denkanstöße für aktuelle Themen gibt. Es ist der zweite Band seiner Fox&Crime Reihe, der erste Band ist noch in Vorbereitung.

 

 Lieben Dank an Günther Klößinger für das wunderbare Interview.

Was war dein Berufswunsch mit 8, 14 und 18 Jahren und warum?

Schon in meiner Kindheit faszinierte mich alles, was mit dem Erzählen von Geschichten zusammenhing. Klar will man als achtjähriger Steppke zwischenrein auch mal Cowboy, Astronaut, Lokführer oder Indianerhäuptling werden, aber letztlich kam ich immer wieder auf Berufe wie Schriftsteller, Geschichtenerzähler, Puppenspieler oder Humorist (würde man heute wohl neudeutsch „Comedian“ nennen) zurück.

Mit 14 begann ich dann, mich intensiver mit Musik auseinanderzusetzen und träumte, wie wohl alle in meinem Alter, von einer Karriere als Rockstar. Aber auch hier faszinierten mich vor allem solche Schallplatten, die mit ihren Songs eine Story transportierten, also Rockopern wie „Jesus Christ Superstar“, „Tommy“, aber auch klassische Werke wie „Die Zauberflöte“.
Mit 18 war ich voll und ganz Cineast und hätte liebend gerne Filmregie studiert. Gemeinsam mit meinem Bruder und meinen Klassenkameraden drehte ich einen Agententhriller und einen Vampirfilm in fränkischem Dialekt. Das war witzig und hat Spaß gemacht. Die Profirealität sah aber nüchterner aus: Die Filmhochschule nahm von 1000 internationalen Bewerbern mal gerade 12 als Studenten an. Somit habe ich mich dann erstmal für ein Studium der Erziehungswissenschaften eingeschrieben - als Lehrer erzählt man ja schließlich auch Geschichten.

Wen bewunderst du am meisten und warum?

Es gibt viele Menschen, die ich bewundere und ich kann beim besten Willen nicht sagen, wen davon ich am meisten verehre.

Auf globaler Ebene gilt meine Bewunderung all jenen, die für ihre Überzeugungen eintreten, um sich für Frieden, die Menschenrechte und den Schutz unseres Ökosystems stark zu machen. Natürlich gibt es da prominente Lichtgestalten wie Martin Luther King oder Mahatma Gandhi, aber ohne Leute, die deren Ideen weiterverbreiten und ein friedvolles Miteinander vorleben, wären die Gedanken solcher Meinungsführer auch nutzlos. Somit bewundere ich alle, die ihre Talente nutzen, um sich sinnvoll zu engagieren. Und da spielt es erst mal keine Rolle, ob das Engagement auf der künstlerischen Ebene oder in konkreter politischer Arbeit betrieben wird. Manchmal braucht es auch nur ein bisschen Zivilcourage im Alltag, z.B. auch mal einfach nur laut „Nein“ zu sagen, wenn um einen herum menschenverachtende Parolen laut werden.

Meine Frau ist mir da ein echtes Vorbild, weil sie sich im Alltag bemüht, ihre Ideale wirklich zu leben und nicht nur drüber zu reden. Das beginnt bei der Erziehung unserer kleinen Zwillinge und geht bis zur Unterstützung von „Fair Trade“-Initiativen.

Ganz besonders bewundere ich auch meine Eltern. Als meine Mutter 11 Jahre alt war, musste sie mit ihrer Familie alles Hab und Gut hinter sich lassen, um vor den Schrecken des zweiten Weltkriegs zu flüchten. Mein Vater wurde als Soldat mit 19 Jahren von einer Granate schwer verwundet und kehrte als Kriegsversehrter nach Hause zurück. Sein ganzes Leben lang litt er an Schmerzen und dennoch ging er seinen Weg, war immer für uns da und verlor niemals seinen Humor. Trotz ihres schweren Schicksals waren unsere Eltern für meine Geschwister und mich immer ein Fels in der Brandung und vermittelten uns eine lebensbejahende Grundhaltung.

Was denkt dein Hauptprotagonist bzw. der Übeltäter aus deinem aktuellsten Buch über dich (zB würde er/sie mit dir einen Kneipenbummel machen)?

„Schnee von gestern …und vorgestern“ hat ja gleich mehrere Protagonisten, also beschränke ich mich hier mal auf die zentrale Figur: Kommissar Fox Prancock ist zwar manchmal ein wenig sauer auf mich, da ich ihn mit all seinen ruppigen Eigenheiten darstelle, aber letztlich verstehen wir uns recht gut. Zum einen haben wir einen sehr ähnlichen Humor und zum anderen spare ich ja auch seine positiven Charaktereigenschaften nicht aus. Wir sind beide hoffnungslose Romantiker, können aber auch mal ziemlich sarkastisch werden. Das ist doch eine gute Grundlage für einen netten Kneipenbummel, oder? Von Zeit zu Zeit muss Fox bestimmt über mich grinsen, da ich ihm nicht tough genug bin und manchen Sachverhalten nicht mit der von ihm bevorzugten Hau-draufAttitüde begegne, sondern mich ihnen eher von der philosophischen Seite her annähere. Da bin ich ihm wohl einen Tick zu schöngeistig.

Die Übeltäter in meinem Krimi fänden eine Kneipentour mit mir bestimmt super - aber nur, um mich irgendwann in einer dunklen Seitengasse kaltblütig abzumurksen. Schließlich weiß ich als Autor alles über ihre Verbrechen und hetze ihnen mit schöner Regelmäßigkeit die Cops hinterher. Insofern bin in diesem Fall ich es, der keinen Wert darauf legt, mit den Typen um die Häuser zu ziehen.   

Warum schreibst du eigentlich Bücher, wenn du in der digitalen Welt - zum Beispiel als Youtuber - viel mehr erreichen könntest (Geld, Follower, Ruhm)?

Die digitale Welt hat durchaus ihre Reize - aber eine Karriere als Youtuber oder etwas ähnlichem finde ich überhaupt nicht erstrebenswert. Das ist doch eine absolut oberflächliche und schnellebige Welt. Der Ruhm manchen Youtubers dauert ja noch nicht mal so lange an, wie man zum Lesen meines Buches benötigt. Darüberhinaus hat man es als virtueller Promi ja auch vor allem mit ebenso virtuellen Fans zu tun. Man freut sich über wachsende Klicks oder schnell in die Tastatur gehackte Kommentare. Klar kann das für Manche/n auch der Start einer Karriere jenseits des Internets sein, aber es ist gefühlsmäßig nicht meine Welt.

Als Autor oder Geschichtenerzähler hast Du vielmehr die Möglichkeit, in die Tiefe zu gehen, den Leser oder Zuhörer in Deine Welt mitzunehmen und dich intensiver mit Themen und Figuren auseinanderzusetzen als das in rasanten Videos möglich ist.

Klar möchte man auch mit Büchern Menschen erreichen, sonst würde man sie ja nicht veröffentlichen. Aber Lesen ist einfach ein persönlicherer und intimerer Akt als der schnelle Mausklick. Bei Lesungen habe ich direkten Kontakt zu wirklichen Menschen, nicht zu Accounts.
Ich glaube, die grundlegende Frage zu dieser Thematik lautet: Möchte ich berühmt werden oder etwas mitteilen?

Klar - manche Bestsellerautoren verdienen auch mit dem Schreiben viel Geld; es sei ihnen gegönnt. Aber allein wegen des Geldes zu schreiben, halte ich für den falschen Ansatz, das verdirbt die künstlerische Freiheit und Eigenständigkeit.

Nun kann man das Internet auch nicht komplett verdammen, es hat ja auch seine schönen Seiten wie z.B. Literatur- und Buchblogs. Hier schreiben aber auch Leute aus ihrer Leidenschaft für Bücher heraus und nicht, um eine Traumkarriere hinzulegen und Reichtümer zu scheffeln.

Wenn du mit deinen Büchern etwas Großartiges in der Welt bewirken könntest, was wäre das?

Was wirklich Großes? Jeder Autor ist irgendwo ein Visionär und hat so seine Wunschvorstellungen, schließlich erträumt man sich ja seine ganz eigene Welt und schreibt darüber. Ich bin aber überzeugt davon, dass wirklich große Veränderungen nur durch viele kleine Schritte entstehen können.
Insofern fände ich es schon großartig, wenn ich mit meinen Büchern ein wenig dazu beitragen könnte, dass diese Welt ein freundlicherer Ort wird. Das klingt vielleicht merkwürdig aus dem Munde eines Krimiautors, aber mir geht es ja nicht in erster Linie um die Darstellung von Verbrechen. Meine Figuren geraten häufig in lebensgefährliche Situationen, werden Opfer von Gewalt oder werden gejagt. Mich interessiert dabei sehr stark, wie solche Krisen überwunden werden, und oft geschieht das durch die Hilfe von Freunden, das Einstehen füreinander, durch beherztes Eingreifen von Menschen mit Zivilcourage.

Wenn zum Beispiel auch nur ein Leser durch die Hilfsaktion von Jasmin und ihren Freunden in „Schnee von gestern …und vorgestern“ angeregt wird, sich in der Asylfrage zu engagieren, wäre das schon mehr, als ich zu hoffen wage. Letztlich ist dieser Handlungsstrang eine Hymne an die Freundschaft.  Klar will ich den Lesern damit auch ein bisschen Mut machen, sich einzubringen, nicht alles nur hinzunehmen, sondern für andere da zu sein.

Aber auch der Humor ist mir inmitten all dieser düsteren Themen wichtig - denn wenn die Welt eine bessere werden soll, trägt sie ein Lachen im Gesicht - oder zumindest ein Lächeln.

Wo siehst du dich und das gedruckte Buch in 10 Jahren?

In meinem Deutschabitur habe ich wegen der aufkommenden Video- und Computerkultur ganz pessimistisch das Ende des Buchhandels proklamiert. Das ist nun 30 Jahre her und zum Glück ist meine Zukunftsvision bislang nicht eingetreten. Ich denke, auch das E-Book hat seine Berechtigung, ebenso halte ich Hörbücher für ein faszinierendes Medium, Literatur zu genießen, aber das gedruckte Buch hat sowas wie eine eigene Aura. Ich denke, es ist einfach irgendwie heimeliger, sich mit einem Papierbuch aufs Sofa zu lümmeln als mit einem E-Reader. Allerdings ist mir durchaus bewusst, dass ich da einfach noch anders geprägt bin als eine Generation, die von Kindesbeinen an mit elektronischen Medien vertraut ist. Auch beim Lesen gab es kulturelle Veränderungen im Laufe der Menschheitsgeschichte - von den Höhlenzeichnungen über Tontafeln hin zu Papyrusrollen. All das waren mal gängige Medien der Literaturvermittlung, ganz anders als das gedruckte Buch. Der Unterschied zu heute ist allerdings, dass in früheren Zeiten nur die Gelehrten schriftkundig waren. Heute ist Lesen quasi ein Breitensport für Literaturfans. Mag sein, dass elektronisches Lesen irgendwann mal dem Blättern in vergilbenden Wälzern den Rang ablaufen wird - für die nächsten 10 Jahre sehe ich diese Tendenz aber noch nicht.

Bei meinen Lesungen wurde ich bislang jedenfalls nur gefragt, ob ich „ganz normale“ Bücher signieren könnte, noch niemand wollte mein Autogramm auf seinem E-Book-Reader oder Tablet.
Tja - und wo sehe ich mich selbst in 10 Jahren? So Gott will und ich noch lebe, sehe ich mich nach wie vor beim Schreiben an der Tastatur und bei Lesungen auf der Bühne.

Zum Abschluss möchte ich mich noch für Deine Rezension meines Buches bedanken und dafür, dass ich mich in diesem außergewöhnlichen Interview noch näher vorstellen konnte. Es hat echt Spaß gemacht, sich mit Deinen Fragen auseinanderzusetzen.

Links:
Günther Klößinger

Rezensionen:
Thrillertante 
Lesezauber
Lora liest
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