Donnerstag, 7. Januar 2016

[Blick über den Tellerrand] mit Autor Henry Hounting



Mein erstes Autoreninterview in diesem Jahr ist etwas ganz besonderes. Der zurückhaltende und feine Krimi-Autor Henry Hounting aus England hat sich bereit erklärt, meine Fragen zu beantworten. Aber lest selbst.




Henry Hounting ist ein sehr höflicher Mann. Er wohnt zurückgezogen in der Nähe von London, wo er nach einem Leben in verantwortungsvoller Tätigkeit Kriminalromane schreibt. Interessant ist, dass diese auf den Notizen seines Urgroßvaters Victor Hounting beruhen. Victor war damals, im ausgehenden 19. Jahrhundert, der erste Kriminalwissenschaftler der Welt und konnte selbst die allerkniffeligsten Fälle lösen. Bisher ist bereits ein Krimi erschienen: „Die Geständnisse des Sekretärs“. Ich freue mich sehr, dass Herr Hounting sich bereit erklärt hat, dieses Interview mit mir zu führen.


Was war Ihr Berufswunsch mit 8, 14 und 18 Jahren und warum?

Im Alter von acht Jahren faszinierten mich die großen, mächtigen Gebäude in London: langgezogen, mit vielen Stockwerken und schier unendlich vielen Fenstern und mit imposanten Eingängen. Was mochte dahinter vorgehen? Was machten die Menschen, die hinein- und hinausströmten, dort den ganzen Tag?
Dazu muss man wissen, dass ich 1942 geboren wurde. Mit acht Jahren schrieben wir folglich das Jahr 1950. In dieser Zeit gehörten diese beeindruckenden Bauten ganz überwiegend der Regierung – wie mein Vater, ein Rechtsanwalt, mir gerne erklärte.
Mit acht Jahren wollte ich auch hinter diesen Mauern und Fenstern arbeiten. Mein Berufswunsch war, altersbedingt unscharf: „Irgendetwas mit Regierung“.
Sechs Jahre später, mit vierzehn, entdeckte ich den Sport für mich: Rudern! Wenn mich in diesem Alter jemand gefragt hätte, wäre meine Antwort gewesen: Ruderweltmeister. Damals hat mich zum Glück niemand gefragt. Und ich hätte es auch nicht verraten. Es war wohl mein erstes, richtiges Geheimnis. Heute „gestehe“ ich das gerne.
Mit achtzehn war ich – soweit ich mich nach über 50 Jahren erinnere – berufswunschlos glücklich. Mit neunzehn hatte ich ein, zwei Ideen für meine Zukunft. Aber nach diesem Alter haben sie mich ja nicht gefragt. Jedenfalls bin ich in den eben erwähnten Gebäuden gelandet.

Wen bewundern Sie am meisten und warum?

Seit meinen Sportlerträumen fasziniert mich die Erbringung von menschlicher Hochleistung. Dahinter steckt immer unvorstellbar viel Training, Willenskraft, Leidensfähigkeit, Opferbereitschaft und vieles andere. Auch Talent und Glück. Aber das bekommt man ja geschenkt – oder nicht.
Mir imponieren Menschen, die sich einem Ziel verschreiben und alle notwendigen Opfer erbringen. Im Sport findet man solche Menschen vor allem in den langen Distanzen. Tommy Godwin fuhr 1939 mit dem Rad in einem Jahr 75.000 Meilen. Unvorstellbar! Der Rekord gilt wohl noch heute.
Aber auch Entdeckern, wie Robert Scott oder Edmund Hillary, die übermenschliches erbracht haben, gehört meine ganze Bewunderung.
Nicht zu vergessen sind politische Leistungen. Was man als einzelner für eine ganze Nation erreichen kann, bewies eine ganze Reihe britischer Premierminister. Einige habe ich persönlich kennen gelernt. Ich möchte hier keinen dieser hervorragenden Persönlichkeiten hervorheben. Ich verzichte aber auch auf die Nennungen der weniger glorreichen der neueren Zeit.

Hat Ihr Urgroßvater Sherlock Holmes gekannt? Wenn ja, worüber haben Sie sich ausgetauscht?

Sie lebten in etwa in der gleichen Zeit. Beide könnten sich in London auf Verbrecherjagd durchaus mal über den Weg gelaufen sein. Ob sich Holmes und mein Urgroßvater gekannt haben, sich begegnet sind, verrate ich meinen Leserinnen und Leser in einem der nächsten Romane.

Was glauben Sie, würde Victor Hounting über die heutige Kriminalistik denken?

Er wäre ganz sicher beeindruckt von der Wissenschaftlichkeit, der Genauigkeit und Vielseitigkeit der heutigen Methoden. Und er wäre sicher Stolz auf seine Vorarbeiten als erster Kriminalwissenschaftler Englands oder sogar weltweit. Victor gilt ja als Begründer der Wissenschaft von der kriminalistischen Stochastik und Logik, also der wissenschaftlichen Kriminalistik. Die heutigen Kriminalbeamten, die ja oft Forscher und Wissenschaftler sind, sind gut ausgebildet, gehen rational und systematisch vor. Das alles würde ihm sicher sehr gefallen.

Wenn Sie mit den Büchern Ihres Urgroßvaters etwas Großartiges in der Welt bewirken könnten, was wäre das?

Das ist ein hoher Anspruch! Das klingt nach „Die Welt aus den Angeln heben“. Da ich mittlerweile einige Jahre hinter mir habe, weiß ich, dass auch im Kleinen Großartiges möglich ist. Ja, man kann sogar kleinen Dingen einen „Sinn des Lebens“ einhauchen. Wenn ich in meinem Alter meinen Leserinnen und Lesern ein paar Stunden Vergnügen und Abstand von den vielfältigen Sorgen des Lebens bereiten kann, wäre das für mich großartig und würde meinem Tun als Pensionär einen Sinn verleihen. Mein Urgroßvater Victor hätte ganz sicher nicht so bescheiden geantwortet.

Lieber Herr Hounting, herzlichen Dank für das Interview. Ich bin jetzt schon sehr gespannt auf den nächsten Kriminalfall Ihres Urgroßvaters.

 Links

Infos über den Autor: Henry Hounting
Rezension: Die Geständnisse des Sekretärs
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Kommentare

  1. Hallo liebe Lora,
    ein wirklich interessantes und spannendes Interview!
    Danke dafür :)
    Liebe Grüße,
    Tanja

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    1. Hallo Tanja,
      gerne! Es hat auch großen Spaß gemacht.
      loralee

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Ich freue mich sehr über Kommentare von euch!

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