Donnerstag, 8. Oktober 2015

Rezension: Altes Land von Dörte Hansen

Gebunden, eBook
288 Seiten
Albrecht Knaus Verlag

Kurzportrait der Autorin
Dörte Hansen














Es ist schon sehr viel über dieses Buch gesagt worden, insbesondere wegen der unerwarteten Aktualität des Themas, das hier behandelt wird. Denn im Buch geht es um Flucht, Integration im engsten, wie im weitesten Sinn. Es geht aber auch um viel mehr. Es geht um Familie, den Generationenkonflikt und Generationengerechtigkeit. Es geht um Gesellschaftskritik, um Stadt vs. Land und den jeweiligen Klischees, die sich in den Köpfen festgesetzt haben, und um Traditionen. Es geht um Kommunikation, um Sprache und um Nachhaltigkeit und Mobilität. Kurz gesagt: Es geht um alles, womit sich eine ganz normale Familie auf dem Land über Generationen hinweg auseinandersetzen muss.

Hildegard von Kamke flieht vor dem Krieg aus Ostpreußen mit ihrer Tochter Vera und landet in eben diesem Haus im Alten Land. Ihr ganzes Leben lang wird Vera im Dorf und der Familie nicht gänzlich akzeptiert. Sie fühlt sich ausgestoßen und doch verwurzelt. Anne, die Nichte von Vera, flieht zig Jahre später zusammen mit ihrem kleinen Sohn Leon, vor ihrer gescheiterten Beziehung aus Hamburg-Ottensen ins Alte Land. Die beiden Frauen müssen nun einen Weg zueinander finden.

Ich habe schon viel Positives über dieses Buch gehört und gelesen, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass es mich so sehr packen würde. Der Erzählstil ist faszinierend, wie ein loses Blatt im Wind treibt er mich durch die Geschichte. Mal wird aus dieser Perspektive erzählt, mal aus jener. Fäden werden fallen gelassen und viel später wieder aufgenommen. Mal ist es heiter und satirisch, und dann wieder bitter und ernst. Der Fixpunkt in der Geschichte bleibt das Reetgedeckte Haus, das seit Generationen Sitz der Familie ist, und ein gewisses Eigenleben zu führen scheint. Mich beeindruckt insbesondere die Leichtigkeit mit der Dörte Hansen mit Sprache umgeht, auch in den ernsten, nachdenklichen Teilen der Geschichte.
(Vera) „Dit Huus is mien und doch nich mien…. sie konnte hier nicht weg. Sie war ein Moos, das nur an diesen Mauern hielt. Das hier nicht wachsen konnte oder blühen, aber doch bleiben.“
(Anne) „Sie hatten nicht geheiratet, einander nie etwas versprochen. Zwei Leute und ein Kind, lose verhäkelt, drei Luftmaschen. Es hatte eben nicht gehalten.“
„Altes Land“ hat meine Erwartungen übertroffen. Es ist beeindruckend, wie die Autorin so viele komplexe Ebenen gleichzeitig und auch kritisch anspricht, ohne dass es angestrengt oder konstruiert wirkt und ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Ich verlasse ihre Welt jetzt heiter und ein bisschen nachdenklich. 
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Kommentare

  1. Tolle Rezension. Jetzt freue ich mich auf das Buch. Dein Blog gefällt mir. Ich bleib gleich mal als Follower da und verlinke dich auf meinem Blog. Über einen Besuch von dir würde ich mich freuen.

    Liebe Grüße, Gisela http://lese-himmel.blogspot.de/

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    1. Ganz, ganz lieben Dank Gisela,
      das ist auch wirklich ein tolles Buch. Ich besuche dich sehr gerne, bin gespannt auf deinen Blog.
      Viel Spaß beim lesen. :-)
      loralee

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Ich freue mich sehr über Kommentare von euch!

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