Samstag, 5. September 2015

[Blick über den Tellerrand] mit Autorin Tatjana Bleich


Heute werfen wir zusammen mit der interessanten Jungautorin Tatjana Bleich einen Blick über den Tellerrand.

 

Tatjana Bleich ist in meinen Augen eine außergewöhnliche Autorin, die noch einen spannenden Weg vor sich hat. Die 29jährige lebt in Deggendorf, Bayern und arbeitet dort als Büroangestellte im Veterinäramt. Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten und macht kunstvolle Fotografien. Ihr Debüt "Das Zusehen" erschien 2008 im Asaro Verlag. Ihren Stil würde ich als melancholisch, romantisch und dennoch modern bezeichnen. Tatjana strebt zur Zeit die Veröffentlichung ihres zweiten Romans an. 



  
Bevor es mit dem Interview los geht, möchte ich mich ganz herzlich bei Tatjana für ihre offene und unkomplizierte Art bedanken. Und ganz besonders für das spannende Interview.

Was war dein Berufswunsch mit 8, 14 und 18 Jahren und warum?

Mit 8 wollte ich, soweit ich mich erinnere, Pianistin oder Modedesignerin werden. Mit 14 stand – ohne dass es mein besonderer Wunsch gewesen wäre – fest, dass ich aller Wahrscheinlichkeit nach Büroangestellte werde. Mit 18 war ich dabei eine Ausbildung zu einer solchen zu machen. ABER: Mit 18 war ich ebenso bereits dabei meinen ersten Roman zu verfassen. Und das war, ich fühlte es deutlich, genau das, was ich wirklich wollte. Ich wollte schreiben, es war mir ein Bedürfnis. Ich wollte Autorin sein, aber dies nicht etwa nach außen hin, sondern... wie soll ich es ausdrücken? Autorin sein, das scheint eher ein innerer Zustand zu sein. Heute bin ich offiziell beides: Büroangestellte und Autorin.

Wen bewunderst du am meisten und warum? (Es muss nicht zwingend jemand aus der Buchwelt sein)

Ich bewundere Menschen, die so viel Liebe in sich haben, dass sie ungeachtet ihrer eigenen Bedürfnisse oder Lebenspläne für einen anderen Menschen da sein können und zwar für eine lange Zeit. Und ich bewundere Menschen, die es schaffen, an sich zu glauben, ernsthaft positiv zu denken und immer wieder aufstehen können, wenn sie tief gefallen sind.

Gibt es etwas, woran du als Jugendliche*r geglaubt hast, aber jetzt nicht mehr?

Da fällt mir sofort eine lustige Sache ein: Es gibt doch dieses kleine Lied, wo es heißt „Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch? Schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken? Hörst du nicht die Glocken? Ding! Dong! Dong!“ Seit ich das Lied das erste Mal in der Grundschule gehört hatte, hegte ich die Vorstellung, dass dieser Bruder Jakob ein kleiner Junge ist, der von seiner älteren Schwester geweckt wird, die ihm zuruft, ob er denn nicht die Glocken (die Schulglocke, dachte ich) hört. Erst sehr viel später, ich war ganz sicher schon über zwanzig, klärte mich mein kleiner Bruder (er ist 11 Jahre jünger als ich) darüber auf, dass der Bruder Jakob ein Mönch ist, der von anderen Mönchen gerufen wird. Und die Glocke ist die Glocke des Klosters.

Was denkt dein Hauptprotagonist bzw. der Übeltäter aus deinem aktuellsten Buch über dich?

Ich habe immer das Gefühl, dass meine Protagonisten keine Ahnung davon haben, dass es mich gibt. Ich weiß von ihnen, da ich ihre Geschichte schreibe, aber sie leben ihr Leben, ohne an ihre Schöpferin und die Schöpferin ihrer (Lebens-)Geschichte zu denken.

Was sind die 3 Lieblingsbücher deines*er Hauptprotagonisten*in?

Die meisten meiner Protagonisten lesen zwar gern, aber ihre Lieblingsbücher kann ich nicht nennen. Was ich aber nennen kann, sind meine drei Lieblingsautoren: Marguerite Duras, Franz Kafka, Haruki Murakami.

Warum schreibst du eigentlich Bücher, wenn du in der digitalen Welt - zum Beispiel als Youtuber - viel mehr erreichen könntest (Geld, Follower, Ruhm)?

Abgesehen davon, dass es mir bereits bevor ich von Youtube und dergleichen wusste bzw. bevor es diese ganzen Netzwerke gab, ein geradezu seelisches Bedürfnis war zu schreiben und ich auch alsbald damit begann, könnte ich mir absolut nicht vorstellen jetzt plötzlich umzusteigen und damit also das richtige, sozusagen klassische Romanschreiben aufgeben. Da würde eine gewisse Stille, Magie und Intimität verlorengehen. Während all der langen Zeit, in der eine Geschichte in mir reift und ich sie nach und nach niederschreibe, brauche ich kein Publikum, das sofort auf alles von mir Erschaffene reagiert. Das zum einen. Zum anderen kann ich mich nur im Schreiben so ausleben, wie es mir eigen ist, verarbeiten, was ich zu verarbeiten habe, meinem Selbstausdruck nachgehen, ganz neue Welten und Figuren formen, die aber auch mich in sich tragen. Beim Schreiben merke ich immer wieder: Ich schreibe für mich selbst, bewahre damit etwas für mich auf, erschaffe eine Zeitkapsel, in der eine bestimmte Lebensphase gespeichert bleibt. Aber sobald das Geschriebene fertig ist, erkenne ich: ich habe auch für andere geschrieben, damit sie mit meinem Text ihre eigene Reise machen können, etwas für sich darin wiederfinden können und nachdenken.

Wenn du mit deinen Büchern etwas Großartiges in der Welt bewirken könntest, was wäre das?

Wenn jemand beim Lesen meiner Bücher einige leise, ganz persönliche, besondere Momente erlebt oder tief berührt und inspiriert wird oder auf einen gerade für ihn wichtigen, ihn irgendwie weiterbringenden Gedanken kommt, dann habe ich doch schon eine kleine Veränderung in der Welt bewirkt, nämlich in der kleinen Welt eines einzelnen Menschen. Und woraus besteht die Menschheit? Aus vielen einzelnen, individuellen Menschen.

Wo siehst du dich und das gedruckte Buch in 10 Jahren?

Wo ich mich sehe, weiß ich: Ich sehe mich, wie ich weiterhin Geschichten schreibe. Wo ich mein erstes Buch sehe? Es ist ein Wunschtraum, aber es wäre schön, wenn es in 10 Jahren einen schönen Film zum Buch gibt.

Links:

Webseite von Tatjana Bleich: www.tatjana-bleich.de
Meine Rezension zu dem Roman "Das Zusehen" 

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