Donnerstag, 20. August 2015

Rezension: Das Zusehen von Tatjana Bleich

 Taschenbuch, e-Book
401 Seiten
Asaro Verlag
Asaro-Verlag.de

Besuch doch mal die Autorin
Tatjana Bleich

Interview mit der Autorin:
Blick über den Tellerrand









Was kann man anderes an einem verregneten Urlaubstag unternehmen, als ins Museum zu gehen oder ein gutes Buch zu lesen? Ich entschied mich für dieses Buch und wurde mit einer äußerst eindrucksvollen und  berührenden Geschichte belohnt. Tatjana Bleich entführte mich in die komplexe Welt der Gefühle. Gefühle, denen die Vernunft entgegensteht. Ihr Debüt fesselte mich so sehr, dass ich einen ganzen Regentag lang komplett in ihre Welt eintauchte.

Selten habe ich einen Roman der Gegenwart gelesen, der sich so intensiv und konsequent mit der Gefühlswelt auseinandersetzt. Liebe, Angst und Verzweiflung: Was sind das für Gefühle? Woher kommen sie und wohin führen sie uns? Welche Rolle spielt die Vernunft in unserem Handeln?
Da ist zum Beispiel Adrian Maysen, der erfolgreiche Architekt, der in der Mitte seines Lebens steht, sich aber auf Grund eines dunklen Geheimnisses in einer tiefen melancholischen Verzweiflung befindet. Und dann ist da Orlando, der junge Lebenskünstler. Er ist eher pragmatisch und findet an jeder Lebenssituation, mag sie noch so ausweglos erscheinen, die positive Seite. Dazwischen steht die Hauptprotagonistin Estella, die sich zu beiden Männern auf sehr unterschiedliche Weise hingezogen fühlt. Durch die emotionale Auseinandersetzung mit den beiden wächst ihr Selbstbewusstsein, das ihr dann erlaubt mutige Entscheidungen zu treffen. Wir begleiten Estella in ihrer Entwicklung von einer zurückhaltenden 17jährigen Schülerin zu einer selbstbestimmten erwachsenen Frau.

Der Schreibstil von Tatjana Bleich ist einzigartig virtuos. Sie spielt mit Metaphern und Stimmungen aus der Farbwelt sowie mit Licht und Schatten, was mich an die Literatur der Romantik erinnert (ich meine damit nicht die kitschige Romantik!) und zieht mich tief in die emotionale Welt der Protagonisten hinein. Sie führt zum Beispiel wortwörtlich einen roten Faden durch die gesamte Geschichte bis zu ihrem Ende. Rückblenden, Perspektivwechsel und der Einsatz von Briefen und Träumen als Stilmittel halten die Spannung. Die Autorin lässt aber gleichzeitig der Geschichte Zeit sich zu entwickeln und stellt die philosophisch-literarische Auseinandersetzung mit ihrer Fragestellung in den Mittelpunkt.
„Das graue Licht eines verregneten Nachmittags kroch in jeden Winkel. Es legte sich auf das Kopfsteinpflaster und auf die müden Gesichter der Menschen, die geschäftig an Estella vorüber liefen.“
„Die vertraute Ungewissheit setzte sich zu ihr auf die Bank und ließ sich nicht wieder verscheuchen.“
Tatjana Bleich hat mit ihrem Erstling ein anspruchsvolles Werk vorgelegt, das bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Durch die melancholischen Elemente wirkt die Geschichte dunkel und schwer, auch wenn viel mit Farbe und Licht gespielt wird. Wer diesen Roman lesen will, sollte sich unbedingt Zeit dafür nehmen. Er bietet eine Menge Impulse zum Nachdenken. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie sich der Stil von Tatjana Bleich weiter entwickeln wird.

Dank an Tatjana Bleich für das Rezensionsexemplar.
 
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